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Sardinen im ÖV: vorausschauend statt absurd

Im ÖV konnte man im Sommer öfters Sardinen sehen, besonders wenn es eng wurde. Was wollten wir damit erreichen, in einem Land, dessen ÖV zu den besten weltweit gehört? Eine Sardine berichtet.

“Warum ausgerechnet in Zürich” fragt er mich und zieht am Bier. Ich nippe hinterher, hole Luft und will endlich den Satz herausbringen, der mir seit längerer Zeit durch den Kopf schwirrt… aber dann kommt doch nur “warum nicht?” und ein etwas verdutztes Lächeln.

In letzter Zeit konnte man häufiger menschengrosse Sardinen im Zürcher ÖV sehen, die auf fehlenden Platz hinweisen wollten, besonders wenn es voll wurde. Aber warum in Zürich, der Stadt mit einem der besten Nahverkehrssysteme der Welt? Gibt es keine brisanteren Probleme, mit denen man sich auseinandersetzen müsste?

Mit diesen Fragen habe ich mich erstmals beschäftigt, als ich mir nach meiner ersten Rundfahrt das Kostüm vom Kopf gestreift hatte und endlich wieder Frischluft an der Haut zu spüren bekam. Keiner ist gerne eingequetscht zwischen anderen, wie eine Sardine, insbesondere nicht wenn es draussen heiss ist. Im Schweisse des Angesichts merkt man dann, dass die Züge noch nicht durchgängig klimatisiert sind, und sehnt sich nach einen Sitzplatz.

Aber ich bin nicht dem umverkehR-Aufruf gefolgt und habe mich mit Kiemen verkleidet um für neue Klimaanlagen, Sitzreihen oder gar Züge zu sammeln. Viel mehr möchte ich den Menschen der Stadt mitteilen, dass der Schweizer ÖV auch weiterhin zur Weltklasse gehören kann.

Immer mehr Leute wechseln zum ÖV, weil man im Zug lesen, arbeiten, schlafen, reden, oder nichtstun kann. Vielleicht macht das auch jemand der Umwelt zu liebe, oder weil die Autos zu teuer werden.

Ich bin deswegen stolz auf “mein Zürich”, denn die öffentliche Fortbewegung erscheint mir in vielen Arten und Weisen sinnvoller, auch wenn der Komfort und Luxus des eigenen Autos ein bisschen auf der Strecke bleibt.

Damit sich die Entscheidung für jeden Umsteiger lohnt, hoffe ich, dass jeder ähnlich tolle Erfahrungen im ÖV sammeln darf wie ich.

Leider sind volle Züge in dieser Hinsicht nicht gerade überzeugend. Ideal wäre es, wenn die Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln jedem Spass machen könnte.

Die Umsetzung solcher Ziele aber kostet und es wäre kontraproduktiv, wenn diese Kosten dem Fahrgast weitergereicht werden würden; angemessene Preise gehören nun mal zum Kundenerlebnis.

Deswegen versuchen wir zu erreichen, dass die die Politiker den ÖV stärker berücksichtigen, als Notwendigkeit und Zeichen der Lebensqualität sehen können, und diesen entsprechend unterstützen. Jeder der eine Sardine sieht, oder sich schon mal wie eine vorkam, kann dabei helfen.

Wenn ich mir das nächste Mal die Schuppen über den Kopf ziehe… Moment, schlechte Wortwahl. Wenn ich das nächste Mal “sardinle” und mich danach bei einem kühlen Bier von den trotzdem immer wieder amüsanten Momenten im engen Kostüm erhole, dann schaffe ich die Formulierung vielleicht endlich: “Sogar das beste Nahverkehrssystem kann stets verbessert werden”, und das sollten wir im Auge behalten.

Ich habe meinen ersten Ausflug im Mai festgehalten.